„Das ist wahre Spielfreude“ – Mitreißende Frankfurter eröffnen Rampenlichter

Für Ruben ist es der erste Auftritt bei einem Theaterfestival. Ein Freund hat ihn mit zu den Proben genommen. Der Freund ist nicht mehr dabei, aber für Ruben wurde die Bühne zum Ort, an dem man sich ausprobieren kann, Sachen unternimmt, die vielleicht nicht Teil des sonstigen Alltags sind. Rampenlichter, und das wurde von allen Anwesenden am Eröffnungsabend betont, ermöglicht Kindern und Jugendlichen diese, ihre Kreativität frei auszuleben. Genau das haben die Mädels der Bühnenstürmer München dem Publikum zu Beginn entgegengerufen: „Hier werden wir verstanden, gesehen, gehört.“

Doch bevor Ruben und seine Freunde sich ihrer Bühnenlust hingeben konnten, wurde von den Machern und Förderern in einer kleinen Diskussionsrunde noch einmal deutlich gemacht, was Theaterarbeit mit Kindern und Jugendlichen bedeuten kann. Die Runde wurde eröffnet vom Kulturreferenten der Stadt München, Herrn Hans- Georg Küppers, der Rampenlichter vor allem als Raum begrüßt, den die Kinder und Jugendlichen zum Entfalten und Spielen nutzen können. Hier ist ein internationaler Austausch möglich, in dem gelernt wird, wie Gemeinsamkeiten erkannt und Differenzen ausgehalten werden können. Auch für junge Flüchtlinge bietet der kreative Ausdruck auf der Bühne nach Stefan Fischer vom Münchner Jugendamt die Chance Teil einer Gruppe zu sein und damit Isolation zu überwinden. Es gilt einen Ort zu schaffen, an dem sie nicht als Flüchtlinge wahrgenommen werden und auch ohne Vorbedingungen mitmachen dürfen. Dirk Adomat, Leiter der Münchner Serviceagentur für Ganztagsbildung nennt es einen angstfreien Raum zur Herzensbildung, der über die Schule hinausgeht. Das Schaffen solcher, experimenteller Räume ist nach der künstlerischen Leiterin des PATHOS München, Angelika Fink, ein wichtiger Bestandteil der freiproduzierenden Theaterkunst.

Für Janna Reusch von der Theatergruppe Ackermannbogen, die ihr Abitur selbst erst frisch in der Tasche hat, steht insbesondere die Gelegenheit in professionellem Rahmen, d.h. mit Maske und Technik, zu spielen im Vordergrund. Diese professionelle Betreuung sieht Detlef Köhler, der künstlerische Leiter der Eröffnungsgruppe und Vorstandsmitglied der Assistej, auch in den Proben als wichtige Rahmenbedingung an. Gleichzeitig liegt darin auch der Grund für die Bedeutung von ausreichend finanzieller Förderung in diesem Bereich, da bloß in kleinen Gruppen diese Arbeit sich für ihn als Nachhaltige zeichnen kann. Im Fokus steht für Köhler der Freiraum in geistiger Hinsicht, die Möglichkeit über das Festival andere Gruppen zu sehen und daraus etwas mitzunehmen für die eigene Arbeit. Das konnten die Gruppen im Publikum am Eröffnungsabend mit Sicherheit auch über sein Stück sagen, das mit viel Applaus und herzhaften Lachern das Festival eröffnete.

Das KinderEnsemble des Theaters GrueneSosse Frankfurt, bestehend aus Kindern zwischen 7 und 13 Jahren, zeigte seine bisher dritte Produktion mit dem Titel Lügen haben kurze Beine. Das Überthema wird gewissermaßen vorgegeben, sagt FSJlerin Elisabeth, der Rest des inhaltlichen Rahmens definiert sich über die Gespräche in den wöchentlichen Proben. Auch die Texte sind im Wesentlichen während der Proben aufgenommen und werden nur geringfügig redigiert. Viele Szenen entstehen hier aus Improvisationen und Übungen.

Eine richtige Narration gibt es auch an diesem Abend nicht. Es sind vielmehr Puzzleteile, die um das Thema kreisen. Im Kaufladen steht Eva als Lügenverkäuferin. Notlügen müssen allerdings aus dem Lager geholt werden und Vorratslügen sind mit Klopapier umwickelt im Kühlschrank aufzubewahren. Da kostet eine sehr gute und intelligente Lüge schon einmal 8 € und Payback Punkte bekommt man dafür auch. Ausreden kommen sogar in den Versionen premium oder regular. Zu den Tönen von Jingle Bells wird dann nach der Verlogenheit von Weihnachten gefragt. Statt Weihnachtsgans wird laktosefrei, glutenfrei und vegan gegessen. Der Weihnachtsbaum ist aus Plastik und Kerzen kommen aufgrund der Bienenallergien der Kinder nicht ins Haus. In der Kirche wird Rolf Zuckowski gesungen und zu Feliz navidad mit einer swingenden Lara als Pfarrerin heiter geklatscht. Zu dieser Performance fällt meinem Sitznachbar nur eines ein: „Das ist wahre Spielfreude!“ So kann Rampenlichter weiter gehen.