„In Wirklichkeit sind alle Menschen gleich“ – das Theatre of Equals lebt Inklusion

Mascha und die meisten Anderen der russischen Theatergruppe haben sich diesen Nachmittag für den Clownerie Workshop entschieden. Der Clown arbeitet ohne Sprache. Hier steht die Mimik und Gestik im Vordergrund. Zwar werden die Aufgaben der Workshopleiterin Alexandra von Tatjana für die Gruppe übersetzt, die einzelnen Übungen laufen danach allerdings wie von alleine. Gemeinsam mit den Mädels vom Tanz- und Theaterensemble Bühnenstürmer setzen sich alle zu Beginn erst einmal eine rote Nase auf und dann wird zusammen das typisch clowneske Over-acting trainiert, d.h. je übertriebener desto besser. Gefühlszustände werden bloß mit dem Gesicht dargestellt, alltägliche Gegenstände wie ein Kehrbesen betrachtet, als hätte man sie noch gesehen. So bürstet Mascha ihrer deutschen Namensvetterin mit dem Besen die Haare und diese versucht sich im Kehrblech zu spiegeln. Kommuniziert wird weder über die deutsche, noch über die russische Sprache, stattdessen findet nonverbaler, interkultureller Austausch statt.

In dieser aktiven Teamarbeit sind alle Mitglieder des „Theatre of Equals“ Profis. Hier sind Jugendliche und professionelle Künstler, mit und ohne Beeinträchtigung auf gleicher Augenhöhe künstlerisch tätig, unabhängig von ihren körperlichen, geistigen oder sprachlichen Einschränkungen. Die Intention des inklusiven Kulturprojektes ist es, zu zeigen, dass auf der Bühne die Hindernisse des Alltags weggefegt werden können. Ob jemand kleinwüchsig ist oder im Rollstuhl, spielt auf der Bühne keine Rolle mehr, nur der außertheatrale Raum hinkt diesbezüglich hinterher.

Begonnen hat alles mit einer kleinen Aufführung von ein paar Studenten der Staatlichen Universität Woronesch im September 2013. Dmitry Chugunov, ein Professor der Universität, schrieb daraufhin der Gruppe ein Stück, welches im Juni 2014 uraufgeführt wurde. Dabei gehörten viele erst seit Januar und Februar zum Ensemble. Also trainierte Anna Grebenschekova mit professionellen Schauspielern die Neuen zwei Monate lang in szenischem Sprechen und in ihren schauspielerischen Fähigkeiten. Im April kam dann der Regisseur Vadim Krivosheyev zur Gruppe dazu. Für das bei Rampenlichter aufgeführte Stück ließ Vadim zunächst alle in der Gruppe Texte des 1899 in Woronesch geborenen Autors Andrei Platonow lesen, ein Gefühl für sie entwickeln und sprach mit allen über ihre Emotionen. Danach wurden die Texte letztlich ausgewählt, so dass jeder Teilnehmer sein kreatives Potential realisieren konnte. So entstand eine Collage aus verschiedenen Erzählungen Platonows.

Trotz ihrer kurzen Theatergeschichte war das „Theatre of Equals“ schon Teil mehrerer Theaterfestival, wie dem Big Break, dem internationalen Festival für Kindertheater in Moskau. Pustodushije ist erst ihr zweites Stück. Als Handlungsrahmen dient der Ort Woronesch in den 1920er-50er Jahren. Im Mittelpunkt der ersten Geschichte steht Juschka. An einer Krankheit leidend wird er zum Ausgestoßenen des Dorfes. In stoischer Ruhe erträgt er alle Hänseleien und entschuldigt sie gar: „Sie lieben mich, aber sie haben blinde Herzen.“ Verständnis zeigt sich von anderer Seite aber als Fremdwort. Die Eltern warnen ihre Kinder, nicht wie Juschka zu werden. Die Kinder wiederum löchern ihn mit Fragen: „Warum bist du so komisch? Hast du nichts zu sagen?“ Keiner hat Scheu ihm ins Gesicht zu sagen, man wünsche seinen Tod. Statt unter Menschen sucht sich Juschka daher Nähe bei den Tieren und Pflanzen, mit offenen Armen dreht er sich im Scheinwerferlicht und ohne die ausgrenzenden Dorfbewohner sieht man ihn endlich als frei. Ein einziges Mal reagiert Juschka allerdings auf eine Beleidung, sein Tod ist die Folge davon: „Die Menschen haben dich ausrangiert.“

Diese Mechanik des Lebens, die Menschen als Teile im Getriebe werden auch choreografisch in Szene gesetzt. Die nächste Hauptfigur, der „Vater“, fährt neue Lokomotiven ein und nennt sich selbst „Herr Mechaniker“. Auf Stühlen im Kreis sitzend rascheln alle stakkatoartig mit den Zeitungen in ihren Händen, so dass die Fahrgeräusche akustisch vernommen werden. Über die exakte Choreografie erscheinen diese Szenen als eine Art chorische Geste. Ab und an fährt ein Zug ein, dabei hilft die Mundharmonika. Die Bewegungen der Schauspieler wirken mechanisch, wodurch das Stück erkennbar eigene rhythmische Momente erhält. Ein sich stets wiederholender Satz lautet: „Eine Bewegung kann nie anhalten“. So stellt sich beispielsweise das Durcheinander und Gewusel am Bahnhof als ein Slalomlauf um die Stühle dar. Die Geschichte wird dabei von allen in wechselnden Erzählerrollen vorgetragen. Es werden etwa Ausschnitte aus dem Alltag des Vaters erzählt: „Wenn es trübe war, nahm er den Regenschirm mit.“ Die daraus sich entwickelnde Story gehört jedoch der Tochter Frosja, welche ihren Mann derart vermisst, dass sie ihm ein Telegramm zukommen lässt, in dem sie ihm eine lebensbedrohliche Krankheit vorgaukelt, bloß dass dieser nach Hause käme. Sobald er also wieder ganz ihr gehört, lautet ihr Plan: „Morgen oder übermorgen beginnen wir echt zu leben.“ Doch hat diese Form des Liebesegoismus‘ hier keine Zukunft und er macht sich wieder auf den Weg. Nach einem Happy End in den Erzählungen sucht man vergeblich. Vielmehr steht im Fokus, wieviel Hoffnung sich noch aufrechterhalten lässt in dieser Welt, die auch von Krieg gezeichnet ist. So kehren in der Schlussgeschichte eine Mutter und ihr achtjähriger Sohn nach Hause zurück, um in ihrem verbrannten Haus, in welchem sie doch vor kurzem noch lebten, nach Dingen zu suchen, welche nicht zu Asche geworden sind. Während das Kind Fragen stellt, die von der Mutter unbeantwortet bleiben: „Wie sehen Feinde aus, Mama? Warum haben die Feinde leere Seelen?“ Leere Seelen ist das Motto aller Geschichten. Denn, um es in Juschkas Worten zu formulieren: „In Wirklichkeit sind alle Menschen gleich. Wir sind alle gleich wichtig.“ Diese Gedanken, die von den jungen Schauspielern auf der Bühne in ihrer eigenen Ästhetik sichtbar gemacht wurden, führten am sechsten Rampenlichter Abend zu Standing Ovations und werden hoffentlich noch an vielen Abenden Gehör finden.

„Das ist wahre Spielfreude“ – Mitreißende Frankfurter eröffnen Rampenlichter

Für Ruben ist es der erste Auftritt bei einem Theaterfestival. Ein Freund hat ihn mit zu den Proben genommen. Der Freund ist nicht mehr dabei, aber für Ruben wurde die Bühne zum Ort, an dem man sich ausprobieren kann, Sachen unternimmt, die vielleicht nicht Teil des sonstigen Alltags sind. Rampenlichter, und das wurde von allen Anwesenden am Eröffnungsabend betont, ermöglicht Kindern und Jugendlichen diese, ihre Kreativität frei auszuleben. Genau das haben die Mädels der Bühnenstürmer München dem Publikum zu Beginn entgegengerufen: „Hier werden wir verstanden, gesehen, gehört.“

Doch bevor Ruben und seine Freunde sich ihrer Bühnenlust hingeben konnten, wurde von den Machern und Förderern in einer kleinen Diskussionsrunde noch einmal deutlich gemacht, was Theaterarbeit mit Kindern und Jugendlichen bedeuten kann. Die Runde wurde eröffnet vom Kulturreferenten der Stadt München, Herrn Hans- Georg Küppers, der Rampenlichter vor allem als Raum begrüßt, den die Kinder und Jugendlichen zum Entfalten und Spielen nutzen können. Hier ist ein internationaler Austausch möglich, in dem gelernt wird, wie Gemeinsamkeiten erkannt und Differenzen ausgehalten werden können. Auch für junge Flüchtlinge bietet der kreative Ausdruck auf der Bühne nach Stefan Fischer vom Münchner Jugendamt die Chance Teil einer Gruppe zu sein und damit Isolation zu überwinden. Es gilt einen Ort zu schaffen, an dem sie nicht als Flüchtlinge wahrgenommen werden und auch ohne Vorbedingungen mitmachen dürfen. Dirk Adomat, Leiter der Münchner Serviceagentur für Ganztagsbildung nennt es einen angstfreien Raum zur Herzensbildung, der über die Schule hinausgeht. Das Schaffen solcher, experimenteller Räume ist nach der künstlerischen Leiterin des PATHOS München, Angelika Fink, ein wichtiger Bestandteil der freiproduzierenden Theaterkunst.

Für Janna Reusch von der Theatergruppe Ackermannbogen, die ihr Abitur selbst erst frisch in der Tasche hat, steht insbesondere die Gelegenheit in professionellem Rahmen, d.h. mit Maske und Technik, zu spielen im Vordergrund. Diese professionelle Betreuung sieht Detlef Köhler, der künstlerische Leiter der Eröffnungsgruppe und Vorstandsmitglied der Assistej, auch in den Proben als wichtige Rahmenbedingung an. Gleichzeitig liegt darin auch der Grund für die Bedeutung von ausreichend finanzieller Förderung in diesem Bereich, da bloß in kleinen Gruppen diese Arbeit sich für ihn als Nachhaltige zeichnen kann. Im Fokus steht für Köhler der Freiraum in geistiger Hinsicht, die Möglichkeit über das Festival andere Gruppen zu sehen und daraus etwas mitzunehmen für die eigene Arbeit. Das konnten die Gruppen im Publikum am Eröffnungsabend mit Sicherheit auch über sein Stück sagen, das mit viel Applaus und herzhaften Lachern das Festival eröffnete.

Das KinderEnsemble des Theaters GrueneSosse Frankfurt, bestehend aus Kindern zwischen 7 und 13 Jahren, zeigte seine bisher dritte Produktion mit dem Titel Lügen haben kurze Beine. Das Überthema wird gewissermaßen vorgegeben, sagt FSJlerin Elisabeth, der Rest des inhaltlichen Rahmens definiert sich über die Gespräche in den wöchentlichen Proben. Auch die Texte sind im Wesentlichen während der Proben aufgenommen und werden nur geringfügig redigiert. Viele Szenen entstehen hier aus Improvisationen und Übungen.

Eine richtige Narration gibt es auch an diesem Abend nicht. Es sind vielmehr Puzzleteile, die um das Thema kreisen. Im Kaufladen steht Eva als Lügenverkäuferin. Notlügen müssen allerdings aus dem Lager geholt werden und Vorratslügen sind mit Klopapier umwickelt im Kühlschrank aufzubewahren. Da kostet eine sehr gute und intelligente Lüge schon einmal 8 € und Payback Punkte bekommt man dafür auch. Ausreden kommen sogar in den Versionen premium oder regular. Zu den Tönen von Jingle Bells wird dann nach der Verlogenheit von Weihnachten gefragt. Statt Weihnachtsgans wird laktosefrei, glutenfrei und vegan gegessen. Der Weihnachtsbaum ist aus Plastik und Kerzen kommen aufgrund der Bienenallergien der Kinder nicht ins Haus. In der Kirche wird Rolf Zuckowski gesungen und zu Feliz navidad mit einer swingenden Lara als Pfarrerin heiter geklatscht. Zu dieser Performance fällt meinem Sitznachbar nur eines ein: „Das ist wahre Spielfreude!“ So kann Rampenlichter weiter gehen.